Käthe Schönle - a thin red line
Ausstellung in der Städtischen Galerie Tettnang, 16. Mai bis 12. Juni 2011

Angenommen, das Leben wäre eine Komödie, träfe Hugo von Hofmannsthal ins Schwarze der Kunst von Käthe Schönle. Der schrieb vor genau 100 Jahren zu seinem Libretto für den »Rosenkavalier«: »Fäden laufen hin und wieder, verwandte Elemente eilen zusammen.« So schuf er anhand seiner weitgehend namenlosen Figuren »eine kleine Welt lebender Gestalten«. Im kunterbunten Durcheinander kreuzen Liebe und Leiden, Macht und Ohnmacht, Verlust und Zugewinn. Heute hätte Hofmannsthal seinem Dramenverlauf jedoch ein paar Schrammen mehr verpasst oder er hätte womöglich sein »ungeschriebenes Nachwort« von einst gleich auf seine Landsmännin gemünzt.

Durch die Ausstellung in der städtischen Galerie Tettnang, die Zeichnung, Plastik und Installation umfasst, zieht Käthe Schönle einen roten Faden, der mal verbindend und vernetzend, mal intrigierend und verstrickend ein teils komisches, teils tragisches Kaleidoskop des Lebens wirkt: zu Liebe und Leid gesellt sich Hass und Neid, zu Verlust und Gewinn kommt der Kampf ums (Über-)Leben. Ein Spiel allemal, nur auf der Besetzungsliste stehen wir selbst.

Text: Dr. Günter Baumann





Käthe Schönle - Im Schatten der Zuversicht

Galerie Hollenbach, Stuttgart vom 26.4. bis 7.6. 2010

Es ist eine Gratwanderung, auf der wir Käthe Schönle und ihren Arbeiten begegnen. In vielerlei Hinsicht: inhaltlich, formal und technisch. Schon der Titel ihrer Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Hollenbach deutet den Zwiespalt an, den die 1976 in Riedlingen geborene Künstlerin zum Thema macht – Schatten und Zuversicht, gemeinhin unvereinbar, sobald wir den Schatten symbolisch nehmen, sind die Grundkoordinaten unsres Lebens, das heißt, wir kommen gar nicht drum herum, uns mit der operettenhaften Dialektik von »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« auseinanderzusetzen. Man mag das für banal halten, aber da das wahre Leben nun mal nicht schwarzweiß gemalt ist, sondern dazwischen alle Graustufen bereit hält – von den Farben ganz zu schweigen –, verspricht der Gegensatz ein flirrendes Feld sich widerstreitender Kräfte. »Im Schatten der Zuversicht« lässt die Gegenpole auch aufeinander los: Zuversicht ja, aber schon in ihr (nicht jenseits oder gegenüber) ist der Schatten angelegt, den es bekanntlich nur da gibt, wo auch Licht ist. Das jauchzend-betrübte Goethe-Wort (im »Egmont«) heißt vorab: »Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein, hangen und bangen in schwebender Pein« und reimt auf das folgende »betrübt«: »Glücklich allein ist die Seele, die liebt«. So einfach, so kompliziert ist das Leben.

Käthe Schönle vermittelt in ihren Zeichnungen jene Spannung, die sich in den Goethe-Zeilen andeuten – nicht illustrierend, sondern leibhaftig: Ihr geht es um die Darstellung von Ängsten, Depressionen und zugleich um die Rebellion dagegen, die Ausbruchsversuche. Das ist künstlerisch riskant, denn wer den Gefühlshaushalt so nah an der Oberfläche ausbreitet, wird automatisch polarisieren. Schönle entgeht dieser Gefahr durch eine für ihr Alter erstaunlichen Souveränität und eine technische Brillanz, die dazu verleitet, eine kafkaeske Größe dahinter zu vermuten. Nirgends verliert sich das Thema in therapeutischer Selbstdiagnose, nirgends verengt sich der Blick ins Manische. Und doch werden Abgründe der Seele zutage gefördert, die unmittelbar berühren, ohne auf ästhetische Kriterien zu verzichten. Die Figuren, die Käthe Schönle aufs Papier bringt, sind überzeichnet, zeugen aber von einer grandiosen anatomischen Kenntnis, mehr noch: Mit beinahe destruktiver Lust sind deren Körper ent-stellt, und zugleich schöpft die Künstlerin Blätter von unglaublicher Schönheit (wenn man darunter nicht eine idyllische Selbstgenügsamkeit versteht) und Fragilität. Dazu kommt ein spielerisches Moment, das die Zeichnung in die Nähe der Karikatur bringt, was durch Bildtexte noch unterstrichen wird. Diese Texte wiederum wechseln zwischen poetischen Einwürfen (»Soll ich meines Bruders Hüter sein?«), Bilderklärungen (»Free yourself and the rest will follow«) oder lakonischen Titeln (»God«), wobei sie auch mit gespiegelten Buchstaben spielt (»Exist«) – möglicherweise nur eine ironische Brechung oder doch auch ein Hinweis auf das doppelgesichtig-absurde Wesen des Menschen in der Nachfolge von Camus' Sisyphos-Chiffre: eine sinnlose, aber glückliche Erscheinung.

Käthe Schönle steht am Beginn ihrer Künstlerkarriere, doch kann man ihren Arbeiten, die ein Interesse am Werk der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas erkennen lassen und sich mit dem Wiener Aktionismus eines Günter Brus auseinandersetzen, ansehen, welches Potenzial noch darin schlummert. Insbesondere ihre Grenzüberschreitungen zur Malerei hin machen dies deutlich, was ja nahezu zwangsläufig einhergeht mit einem vergrößerten Format. Ist die Zeichnerin schon absolut sicher in der Linienführung, gelingt ihr auch der Sprung in den malerischen Gestus, mit einer zuweilen gewagt grellbunten Nachdrücklichkeit. Die Ausflüge in die Malerei sind in der Stuttgarter Ausstellung nur angedeutet, aber die Eigenständigkeit und Detailfülle stehen dem fulminanten zeichnerischen Werk in nichts nach. Leider liegt kein aktueller Katalog ihres Schaffens vor.

Text: Günter Baumann

Portal Kunstgeschichte, 13.05.2010 




„Leben, Lieben, Leiden – Frauenbilder junger Künstlerinnen“
Kunstverein Celle e. V. / Bomann Museum Celle 4.6. bis 4.8. 2010

Käthe Schönle

Das Drama einer jeden persönlichen Existenz handelt von jenen Begegnungen und Gesprächen, die die ungewisse Figur des Selbst überprüfen und verändern. Das Vokabular menschlichen Miteinanders in „Momenten gefrorener Dauer“ (A. R. Penck) gestisch umzusetzen bestimmt die Bilder und Zeichnungen von Käthe Schönle.

Auf ihrer Zeichnung „Spiegel“ sieht man ein liegendes weibliches Gesicht. Ein Auge ist geschlossen – das andere jedoch, unter Stirn und Nase im Schatten, ist weit offen und fixiert den Betrachter – oder aber, wie es Licht-Schatten-Linien anzudeuten scheinen: das Auge sieht sich in einem Spiegel, den die neben dem Gesicht liegende Hand hält. Die ambivalente Gespanntheit dieser verschiedenen Blickrichtungen – der Blick in den Spiegel oder über den Spiegel hinaus – eröffnet den Blick auf eine visuelle Interaktion, die nicht eindeutig und abgeschlossen auftritt, sondern ein Gespräch erst einzuleiten verspricht. Mit denkbar schlichtem Mittel, wie es der nackte Stift auf dem Papier eben ist, wird ein hellwacher Möglichkeitsraum für Kommunikation sichtbar.

In „Druck“ beschäftigt sich Schönle mit einer zartgliedrigen, in eleganten Linien umrissenen weiblichen Figur, die unter einer nicht näher ausgeführten, schweren Fläche gleichsam geplättet wird – der Körper scheint nach obenhin wie gewalzt. Dem entgegen wirkt der Gesichtsausdruck der jungen Frau gelassen, weder verzweifelt noch mutlos – vielmehr scheint sie sich mit der krallenartig druckvollen Belästigung in einer zwar riskanten, jedoch nicht notwendig verderblichen Pattsituation zu befinden und vielleicht Pläne zu schmieden, wie sie dieser Plättung einmal ausweichen kann.

Käthe Schönle beleuchtet in ihren Arbeiten mit unprätentiös, aber effizient inszenierten Kompositionen die unerschöpfliche Betrachtbarkeit des Menschlichen, des Umgangs mit dem Selbst wie auch eines Miteinanders in verschiedensten und doch je für sich unmittelbar zugänglichen Situationen. Jede Zeichnung vermittelt mit spontanem und kraftvollem Gestus ein Hinsehen, das emotional beteiligt, ohne einen normativen Anspruch darauf zu erheben, wie die Szenerie letztendlich zu bewerten ist. Dem notizenhaften, spielerisch-beiläufigen Charakter entspricht der Eindruck, daß diese Form der zeichenhaften Vergegenwärtigung von Begegnungen und Beobachtungen eine Art fortlaufendes Protokoll jenes Prozesses ist, den man oberhalb der persönlichen Geschichte als Existenz bezeichnet – die Auseinandersetzung mit dem, was Menschen untereinander als Möglichkeiten von sich selbst und von- und füreinander wahrnehmen.

Text: Gesche Heumann

erschienen in der Publikationg zur Ausstellung,
Kerber Edition Young Art, 2010; ISBN 978-3-86678-394-2